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Die Rache

Mein Herr, ich schreibe Ihnen im Zug, so verzeihen Sie mir, dass meine Schrift so zittrig und schlecht ist. Ich bitte auch die Leser um Verzeihung, dass manche meiner Ausdrücke so hart und heftig sind. Ich konnte mich einfach nur so ausdrücken, indem ich die Tatsachen so dargestellt habe, wie sie passiert sind, ohne Verfeinerung oder Verschönerung.

Ich appelliere an Sie, Seien Sie bitte nicht zu streng mit uns. Wir sind Mädchen, zu denen das Leben lange Zeit hart war. Unsere Seelen sind - wie unsere Körper auch - voll von Wunden und Narben.

Wir sind sechs Mädchen, fünf leibliche Schwestern und eine kleine Stiefschwester von einer anderen Mutter. Wir lebten unsere Kinder- und Jugendzeit in unbeschreiblicher und unvorstellbarer Qual. Dies wegen der Härte eines Vaters, der jedes menschlichen Gefühls entbehrte. Erst nach seinem seltsamen und überraschenden Tod, der fünf Jahre lang gedauert hatte, konnten wir endlich einschlafen und glücklich sein. Da haben wir gedacht, dass das glückliche Leben angefangen und dass der Himmel uns nun für das belohnt hat, was wir erlitten haben. Das waren aber lauter Träume. Denn der Schrecken ist wieder gekommen und der Schlaf ist wieder dabei, unsere vor Weinen zermürbten Augen zu verlassen.

Lassen Sie mich Ihnen unsere Geschichte, die uns nie aus dem Kopf geht, erzählen. Für jeden Schmerz gibt es Zeugen in der Seele und am Körper.

Seit unserer Geburt fanden wir uns vor einer hilflosen, immer weinenden Mutter und einem Vater, den wir zu Hause nur mit einem Stromkabel ohne Mantel in der Hand sahen. Mit diesem Kabel wurden wir gepeitscht, wenn irgendeine Stimme von uns zu hören war. Können Sie sich ein Kind vorstellen, das nicht weint! Ja, so waren wir aber. Wir begriffen sogar in den ersten Monaten nach unserer Geburt, dass das Weinen eine gewisse Qual durch die Hand eines Geistes mit sich bringt. Wir wussten nicht, wie wir ihn (diesen Geist) rufen sollen.

Ich erinnere mich jetzt daran, ich war fünf und meine Mutter war schwanger in ihrem ersten Monat. Damals ging sie duschen und als sie im Bad war, fiel sie auf den Boden. Sie rief leise nach Hilfe, damit sie meinen schlafenden Vater nicht weckt. Leider ist er aber von ihrem Weinen erwacht. Können Sie sich vorstellen, was er gemacht hat? Ich vergesse seine Gesichtsminen an diesem Tag nicht. Teuflische entsetzende Minen. Ihr fliessendes Blut auf dem Boden hat ihn davon nicht abgeschreckt, über sie mit Schlägen und Tritten in ihren Bauch herzufallen. Er zog sie an den Haaren aus dem Bad heraus. Wir weinten und schrieen vor Angst, bis sich die Nachbarn versammelten. Einer von ihnen brachte meine bewusstlose Mutter ins Spital. Er (mein Vater) ging aber in sein Schlafzimmer. Damals bekam ich auch einen Nervenkollaps und war lange Zeit krank.

Mein Herr, können Sie sich vorstellen, welche Strafe es für diejenige von uns gab, die in der Schule nicht erfolgreich war? Er schert ihr die Haare ab und steckt ihr den Kopf in den Mülleimer, dann geht er auf sie los mit dem Kabel, bis sie vor Schmerzen bewusstlos wird.

Mein Vater trug für uns keine Kosten. Und denken Sie nicht, dass er arm war. Er schwamm im Geld. Er verdiente viel Geld von seinem Getreidegeschäft. Er befahl uns aber immer, während wir noch Kinder waren, zu arbeiten, damit wir die Schulkleider kaufen und für uns selbst aufkommen. Wir wuschen die Haustreppen unserer Verwandten und Nachbarn gegen Bezahlung. Für meine Mutter hingegen haben meine Onkel (mütterlicherseits) eine Nähmaschine gekauft, womit sie - neben ihrer Arbeit in einer nebenan liegenden Fabrik - uns unterhielt.

Eines Tages kam meine Schwester ein bisschen spät von der Schule. Er fiel über sie her mit Schlägen, bis sie aus dem Haus wegrannte. Sie war eine Woche weg, dann kam sie zurück. Nach der üblichen Prügelei brachte er sie zu einer Frauenärztin, damit er sicherstellt, dass sie noch Jungfrau ist. Danach entschied er sich, sie sofort zu verheiraten. Er wollte sie mit einem Warenträger von einem Marktstand verheiraten, wo Sonnenblumenkerne und Nüsse verkauft werden. Vor seiner Einscheidung fand meine Schwester keinen anderen Ausweg als sich selbst zu töten. Sie hat sich selbst verbrannt. Sie hat uns für das Leiden zurückgelassen und ging davon. Wissen Sie, was dieser Mann getan hat, den manVaternennt? Er hat aus vollem Hals gesagt: „Gott sei Dank. Ich habe eine losgekriegt. Mögen die anderen folgen!“

Meine Onkel (mütterlicherseits) haben vorgeschlagen, dass meine Mutter mit den kleinen Töchtern zu ihnen zieht und ihm (meinem Vater) die grossen lässt. Aber meine Mutter lehnte das zugleich ab aus Angst um die grossen und kleinen Töchter. Sie glaubte, ihr Dasein gewähre uns etwas Schutz.

Mein Herr, niemand kann sich die Unterdrückung und die Not besser vorstellen, wie diejenigen es können, die das selbst erleben. Niemand kann es sich vorstellen, dass das Sich-bewegen von der Stelle oder das Barfuss-Laufen im Haus unmöglich war, weil der Vater schläft. Niemand wird es verstehen, dass man das ganze Jahr durch, - sowohl im Sommer als auch im Winter - ein zerfetztes Kleid trägt, dass man nur ein Stück Brot isst, dass man in der Nacht angstvoll schläft und am Tag im Schreck lebt.

Sie können sich also alles vorstellen, alle Sorten von Leiden, Unterdrückungen und Schmerzen. Das ist aber jetzt nicht was uns besorgt, was vorbei ist. Lassen Sie mich weitererzählen.

Vor 14 Jahren hat meine Mutter eine starke Blutung bekommen. Dies hat meinen Vater sehr wütend gemacht. Er stürzte sich auf sie und schlug sie. Wir riefen unsere Onkel (mütterlicherseits) zu Hilfe. Wir brachten sie ins Spital aber Allahs Vorherbestimmung trat ein. Meine Mutter, das Liebeswort im Leben, ist gestorben.

Der Hartherzige weigerte sich, ihre Leiche zu nehmen, bis meine Onkel (mütterlicherseits) sie bestatten haben. Am vierzigsten Tag nach ihrem Tod kam mein Vater ins Haus mit einer zwanzigjährigen, geschiedenen Frau. Er sagte, sie sei seine Frau. Damals lebten noch ich und meine kleine Schwester mit ihm, nachdem meine anderen Schwestern geheiratet haben. Mein Vater rief uns beide und sagte zu uns: „Wenn sie (die neue Frau) sich bei mir wegen einem einzigen Wort von euch beklagt, werde ich das Kabel in eure Augen stecken.“ Er liess meine Schwester ihre Arbeit am Stand für Sonnenblumenkerne verlassen, damit sie im Dienst seiner neuen Frau steht. Ich hingegen musste schnell von der Arbeit zurückkommen, damit ich das Haus putze und für sie beide koche.

Immerhin, es gibt viele DetailsDas wichtigste aber ist, dass mein Vater dreimal nach meiner Muter geheiratet hat. Die letzte Frau wurde gegen seinen Willen schwanger, dann hat er sich von ihr scheiden lassen. Er lebte dann ohne zu heiraten bis das passierte, was passiert ist.

Mein Herr, vor acht Jahren ging mein Vater nach Mekka, um Umra zu machen. Er kam aber nicht mehr zurück. Niemand hörte etwas von ihm seit er gereist ist. Meine Onkel (väterlicherseits) gingen mehrmals zur saudischen Botschaft und fragten vergeblich nach ihm. Niemand wusste, wo er ist. Wissen Sie, wie unsere Gefühle damals waren, während wir jeden Tag von seiner Abwesenheit sicherer wurden? Uns hat ein Lachkrampf erfasst. Wir haben geschrieen: „Die Leidenszeiten sind endgültig vorbei!“ Fünf Jahre lang lebten wir gespannt, bis wir ein Gerichtsverfahren einleiten konnten, damit er offiziell als vermisst erklärt wird. Dann haben wir eine Erbschaftsmeldung gemacht. Erst nachher fühlten wir uns langsam wie Menschen. Wir gingen in der Wohnung rum, haben seine Fotos zerschnitten und seine Kleider, sein Betttuch, auf dem er schlief, die Decken, die er benutzte, seine Pantoffel, die Gläser, aus denen er getrunken hatte, in die Mülleimer geschmissen. Auch den Stuhl, auf dem er sass, haben wir zerschlagen. Wir haben ihn weggekriegt! Wissen Sie, was uns leid getan hat? Dass er ohne Schmerzen gestorben ist, dass er vor uns die Ohnmacht des Krankseins nicht erlitten hat.

Wir haben sein Geld bekommen, das er uns vorenthalten und auf der Bank gehortet hat. Wir fingen an, von unseren Träumen zu reden. Die eine kauft Gold, die andere kauft Kleidergeschäfte, die dritte kauft einen Gemüse- und Fleischmarkt. Und so haben wir angefangen, unsere Träume zu verwirklichen. Es betrübte uns nur die Auseinandersetzungen mit unseren Onkel (väterlicherseits), die mit uns um unsere Erbschaftsrechte stritten.

Mein Herr, alles lief normal, bis dieser Tag gekommen ist. Im letzten Ramadan hat mich meine Kollegin zu ihrer Hochzeit in einer Moschee eingeladen. Ich ging in die Moschee rein und habe zwei Rakas (Nafila) gebetet. Als ich mich nachher auf den Weg zum dazugehörigen Saal machte, veranlasste mich irgendetwas Unbekanntes nach hinten zu schauen. Können Sie sich vorstellen, wer da auf dem Boden sass?? Es war mein Vater, ein alter Mann in schäbigen Kleidern! Das kann ja nicht sein! Ist mein Vater zurück?! Ich habe einen Schreck bekommen. Ich habe mich an meine ganze vergangene Geschichte zurückerinnert. Ich versteckte mich; ich hatte Angst, dass er mich sieht. Dann ging ich zitternd zu ihm. Ich habe ihn angeschaut, er schenkte mir aber keine Beachtung. Ich erwachte, als meine Freundinnen nach mir gerufen haben. Ich habe der Hochzeitsfeier beigewohnt, dann ging ich nachher zum Imam der Moschee und habe ihn gefragt: „Kennen Sie diesen Mann?“ Er meinte, ein Verwandter von ihm habe ihn vor langer Zeit aus Kairo hierher gebracht und er teilte mir mit, dass er im Spital in Behandlung war und dass er die Haustreppen in den benachbarten Häusern wusch und in der Moschee diente.

Kann man sich das vorstellen? Mein Vater, der erst nach dem Asr (am Nachmittag) vom Schlafen aufstand und die besten Kleider trug, wäscht die Treppen und sitzt auf dem Boden! Ich bat den Imam, ihn zu rufen. Ich fragte ihn dann: „Was ist deine Geschichte?“ Er erzählte, er sei in einem Spital in Saudi-Arabien gewesen und die (ägyptische) Botschaft dort teilte ihm mit, dass sein Name unbekannt sei und dass er sich an nichts über seine Person erinnere. Sie haben für ihn Reisedokumente ausgestellt und schickten ihn nach ägyptenEr erzählte und ich stelle mir alle alten Szenen in Details vor. Ich weinte und weinte, ich wusste nicht, warum ich weinte. Ist dieser mutlose Mann, der mich mit Liebe anschaut, mein unterdrückender Vater?

Er streckte seine Hand, damit er von mir etwas Geld bekommt. Ich erinnerte mich an ihn, als er mir das Essenstablett ins Gesicht geworfen hat, weil ich etwas vergessen habe. Seine Stimme, während er für mich betet: „Möge Gott dir zu essen geben und dir nichts vorenthalten!“, bringt mich zurück in die Vergangenheit. Ich fragte ihn: „Erinnerst du dich nicht, was du vorher warst?“ Und ich gebe in mir die Antwort: „Du warst böse und hart, du schlugst mit dem Kabel und gabst Tritte. Du nanntest unsdie Schweine“. Er schaute mich lange an und sagte: „Ich habe ein Gefühl, dass Gott mich wegen etwas, was ich getan habe, bestraft und dass Er mit mir nicht zufrieden ist.“

Ich weiss nicht, woher ich diese Tränen hatte. Weinte ich über ihn oder weil ich mich daran erinnert habe, dass er meine Mutter an den Haaren zog, während sie blutete? Ich erinnerte mich, dass er sich weigerte, zum Spital zu gehen, um sie zu beerdigen.

Ich ging zurück nach Hause. Ich habe meine Schwestern zu mir gerufen und ihnen erzählt, was passiert ist. Sie glaubten nicht, was sie hörten. Wir beschlossen, den Anwalt zu rufen. Wir haben mit ihm abgemacht, dass wir ihn (meinen Vater) sehen gehen. Dort stürzten wir uns auf ihn. Eine von uns hat ihn fastPapagerufen. Wir haben sie davon abgehalten. Wir setzten uns zu ihm. Der Anwalt fing an, (vor meinem Vater) mir unsere Geschichte mit unserem Vater zu erzählen - der ja vor uns sitzt. Wir haben absichtlich einige seiner Worte erwähnt, damit wir sein Gedächtnis prüfen. Er überraschte uns, indem er weinte und sagte: „Wie konnte ein Vater seinen Töchtern das antun! Ich wünschte mir, ich hätte Töchter wie ihr.“ Da sagte meine Schwester zu ihm: „Vielleicht würden sich deine Kinder von dir lossagen, wenn sie wüssten, dass du am Leben bist.“ Er hat sie erstaunt angeschaut und sagte: „Warum bist du so hart, mein Kind?“

Immerhin, wir gingen mit mehr Verwirrung nach Hause. Mein Onkel (mütterlicherseits) kam und wir erzählten ihm die Sache. Er meinte, er (mein Vater) soll zu seinem Haus zurück, es sei sein Recht. Der Anwalt meinte aber: „Wenn er zurückkehren würde, würde er sein Geld von euch zurücknehmen. Eure Onkel (väterlicherseits) würden das nicht über sich ergehen lassen und er würde das nur mit euch machen können. Wenn wir ihn behandeln, würde er zurückkehren wie er vorher war und er würde sich an euch rächen.“ Wir sagten: „Wieder Qual, Unterdrückung und Beleidigungen“.

Wir beschlossen, einmal monatlich zu ihm zu gehen und ihm ein Almosen geben, das für Essen- und Kleiderkaufen reichen soll. Wir überlegten, dass wir ihn ins Spital bringen und dafür bezahlen aber wir hatten Angst, dass er wieder gesund wird und dann begreift, was wir mit ihm gemacht haben, dann rächt er sich an uns.

Mein Herr, unsere Köpfe lehnen seine Rückkehr ab, aber mein Gewissen beisst mich. Eine Stimme in mir sagt: „Hab Erbarmen mit einem nach Stärke schwach gewordenen Menschen. Hab Erbarmen mit deinem Vater in seinem Alter, es reicht, was er an Leid gesehen hat, er wäscht die Treppen der Häuser im kalten Winter, genügt nicht die Strafe Allahs?“

Seit Tagen gingen wir zu ihm und fanden ihn krank in einem bescheidenen Zimmer neben der Moschee. Der Imam teilte uns mit, dass der Arzt gesagt hat, er (mein Vater) sei an Diabetes, Bluthochdruck und Wasser in der Lunge erkrankt. Die gütigen Leute haben ihm die Medikamente gekauft. Ich fand neben ihm eine Tüte. Ich habe sie aufgemacht, da fand ich faules Brot. Es tat mir wegen ihm und mir leid. Ich erinnerte mich, als er eines Morgens aufwachte und kein frisches Brot fand. Er hat den Kopf meiner Mutter mit dem Deckel der Nähmaschine aufgemacht. Und er isst heute faules BrotDu lieber Gott!

Mein Herr, wir leben in einem Dilemma zwischen unseren Gemütern und unseren schmerzhaften Erinnerungen. Wir versagten, zu einem Entschluss zu kommen, deswegen haben wir beschlossen, uns an Sie zu wenden. Vielleicht verhelfen Sie uns zu einem Entschluss, ohne dass Sie uns dabei Unrecht tun.

Meine Dame,

ich suche Entschuldigungen für diejenigen, die das Unrecht sehen und darunter leiden, während sich die Gerechtigkeit Allahs (s.w.t) - aus einem weisen Grund, den er kennt - in den Augen der Menschen verspätet oder unsichtbar ist. Aber wenn doch die Strafe Allahs und seine Rache am Unrecht tuenden Menschen vor den Augen des Unterdrückten und zu seinen Lebzeiten kommen, dann frage ich mich: Wie denn könnte dieser Unterdrückte so achtlos vor der Gerechtigkeit des Grossen Schöpfers, der dem Unrecht tuenden Menschen zwar Zeit lässt aber ihn nicht lässt, sich zu einem Unterdrücker ändern!

Meine Dame, wer den grössten Teil Ihres Briefes liest, der wird sich ärgern, Schmerzen empfinden und Rache an einem solchen Vater verlangen. Wer aber den letzten Teil Ihres Briefes liest, der wird sich zurückhalten und das ganze Bild noch genauer studieren, ohne Härte oder emotionale Überstürzung, bevor man sein Urteil fällt.

Ich denke nicht, dass Sie das jetzt zu beschreiben brauchen, wie anstössig Sie die Verhaltensweisen Ihres Vaters vor seinem Gedächtnisverlust finden. Denn die Worte werden das nie beschreiben können, wie viel Sie alle an Leid und Unterdrückung von diesem Vater erlebt haben. Und wenn er dieses Ende nicht gefunden hätte, wären die Worte noch unerschöpflich gewesen. Denn das, was er getan hat, ist nicht nur von den väterlichen sondern auch von den menschlichen Gefühlen sehr weit entfernt.

Sie werden sagen, er ist die Vergangenheit, die in Ihnen bis heute noch lebt. Aber Sie haben keine andere Auswahl als sich für eine Zukunft der Gegenwart zuzuwenden. Die Vergangenheit wird nur Ihre Schmerzen vergrössern.

Wenn ich einen Brief von einem wütenden Kind empfange, in dem es sich wegen des schlechten Verhaltens oder der mangelnden Fürsorge eines Elternteils beklagt, erscheint vor meinen Augen der edle Koranvers: „Sollten sie (die Eltern) dich bedrängen, Mir etwas beizugesellen, worüber du kein Wissen hast, gehorche ihnen nicht, aber bleibe ihnen gegenüber gütig im weltlichen Leben!“. (Sure 31, Vers 15) Der mächtige Schöpfer verlangt von uns nur dann, die Eltern nicht zu gehorchen, wenn sie uns bedrängen, um Ihm etwas beizugesellen. Aber gleichzeitig fordert er uns auf, mit ihnen im Leben gütig zu bleiben. Das ist, was Sein Recht betrifft. Wie ist es aber damit, was uns, den Menschen, den Kindern betrifft? Finden Sie nicht, dass diesem göttlichen Befehl, mit ihnen gütig zu sein, gefolgt werden muss? Wenn wir uns damit einverstanden geben, wenn wir uns auf den wiederholten Befehl im Koran und in den Hadithen, zu den Eltern gütig zu sein, stützen und uns dann vornehmen, mit unserer Entscheidung das Wohlgefallen Allahs zu erlangen, dann wird die Entscheidung nur eine einzige sein.

Die Genugtuung dauert nur einen kurzen Moment aber die Zufriedenheit, die die Verzeihung bereitet, bleibt ewig. Hören Sie auf das Wort Allahs (s.t.) „Sie sollen verzeihen und nachsichtig sein. Liebt ihr es (selbst) nicht, dass Allah euch vergibt?“ (Sure 24, Vers 22) Möchten Sie nicht, dass Allah Ihnen vergibt? Wie wenig ist der bezahlte Preis dafür! Gleichgültig, wie hart das Leben ist, die Verzeihung ist ein Teil von der Gerechtigkeit.

Ich will mich hier nicht mit den Wahrscheinlichkeiten auseinandersetzen. Sie sagen, wenn Sie ihn jetzt gut behandeln und ihn einer ärztlichen Behandlung unterstellen, dann wird er wahrscheinlich wieder zu seiner alten Manier zurückkehren. Woher wollen Sie aber wissen, dass Allah ihm sein Gedächtnis nicht jetzt zurückgibt und er rächt sich dann gleich an Ihnen, weil Sie ihn im Stich gelassen haben?

Was Sie jetzt geniessen, gehört ihm. Es ist von seinem Geld, auch wenn er ein Unrecht tuender Mensch war. Dass er jetzt zurückkehrt, während er einen Gedächtnisverlust hat, wird ihm gesetzlich - so viel ich weiss - nicht das Recht geben, wieder über sein Geld zu verfügen, da er dazu nicht in der Lage ist.

Mein Rat an Sie und Ihre Schwester ist, dass Sie mit ihrer Entscheidung eine selbstlose, aufrichtige Hinwendung zu Allah im Auge haben, dass Sie sofort zu ihm gehen und ihn zu seinem Haus zurückbringen und dass Sie sich um seine Behandlung bemühen. Und Seien Sie sicher, dass Sie den Weg zu Freude, Ruhe und Glück nicht finden werden, solange Ihr Vater auf dem Boden schläft. Der Rächer begeht die gleiche Sünde, für die er sich rächt. Leben Sie nicht mit der gleichen Sünde. Es ist immerhin besser, wenn das Kind weint, als wenn der Vater es tut.

Und nehmen Sie sich zu Herzen, was Allah in seinem Buch versprochen hat: „Allah verzeiht, was früher geschehen ist. Wer aber die Übertretung wiederholt, den zieht Allah zur Rechenschaft. Allah ist allmächtig und übt Vergeltung.“ (Sure 5, Vers 95)

Und auf ein nächstes Mal in shaa Allah.

 

2. Teil

Dieser Brief erschien in der ägyptischen Zeitung Al-Ahram in der wöchentlichen Rubrik Barid-Al-Ahram (Al-Ahram-Post). Dort werden von Lesern persönliche Probleme geschildert, für deren Lösung sie Ratschläge von einer Fachperson bekommen. Auch die Leser beteiligen sich in Leserbriefen durch ihre Meinungen und eigenen Erfahrungen an der Lösung des Problems.

  

Al-Ahram-Leserbriefe, Freitag, 17. November 2006

 

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