Al-Ahram, 20. November 2009

Die Rache

Teil (2)
Islamswiss.ch
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Die Rache

Mein geehrter Herr, ich hoffe, Sie und Ihre Leser erinnern sich noch an mich. Ich bin die Autorin des Briefes vom 16.11.09, der unter dem Titel „die Rache“ veröffentlicht wurde. Ja, das bin ich. Ich habe damals über meinen Vater geschrieben, der uns - meine Mutter und meine Geschwister - schlecht behandelt hat, bis meine Mutter an den Sorgen starb. Er weigerte sich damals, ihre Leiche vom Spital zu holen und sie zu begraben. Er heiratete mehrmals nach ihrem Tod. Als er auf einer Omra-Reise in Saudi-Arabien war, hörten wir plötzlich jahrelang nichts mehr von ihm, bis ihn ein Gericht in Ägypten für vermisst erklärte. Wir haben nachher seine Hinterlassenschaft unter uns vereilt. Einige Jahre nachher habe ich aber meinen Vater zufällig getroffen. Er war ein greiser Mann mit Amnesie, der die Häusertreppen gegen Geld wusch und für sein Essen bettelte. Dies nachdem er alleine im Wohlstand gelebt hat, während wir davon nichts bekommen haben und er uns schwierige Arbeiten verrichten ließ, damit wir für uns selbst aufkommen.

 

Ich las damals deine Antwort auf meinen Brief und deinen Rat an mich und meine Schwestern, ihm zu vergeben und das Feuer der Rache, das nur kurze Momente brennt, zu löschen. So habe ich meine Schwestern versammelt und wir gingen mit einem Anwalt unseren Vater sehen. Wir haben dort, wo ich ihn gefunden habe, nach ihm gefragt, da wussten wir von den Leuten, dass er in ein Regierungsspital eingeliefert worden war. Wir gingen darauf zu ihm dorthin. Wir haben schmerzvolle Anblicke gesehen. Er schlief dort in einem düsteren Zimmer mit vielen Patienten auf einer abgenutzten Matratze. Diese Patienten teilten uns mit, dass er sehr oft in Bewusstlosigkeit gerät und dass die Ärzte ihn aus dem Spital entlassen möchten aber sie keine Angehörigen von ihm erreichen, die ihn aufnehmen.

 

Wir gingen zum Arzt und fragten nach seinem Zustand. Er meinte, er leide an vielen Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes, Wasser auf der Lunge und Leberentzündung. Wir haben ihn zu einem besseren Spital gebracht. Der Anwalt trug dafür die Verantwortung. Als Mein Vater aus dem Koma erwachte, weinte er heftig und sagte: „Ich habe euch vermisst“, warum seid ihr seit langem nicht zu mir gekommen? Wir haben geweint wegen diesen Worten, auch wegen seinem miserablen Zustand und wegen den Worten der Ärzte über seine vielen Krankheiten. Mein Vater sagte diese Worte, während die Tränen über sein mit Falten und Narben übersätes Gesicht flossen, als ob er spürte, dass wir seine Kinder sind.

 

Tage nachher verlangten die Ärzte von uns, auf seine Therapie, seinen hygienischen Zustand und seine Lebensbedingungen Rücksicht zu nehmen. Mein Vater bat uns, ihn aus dem Spital zu nehmen, weil er wusste, dass das Zimmer im Spital teuer ist. Allah vergebe es meiner Schwester, die zu ihm gesagt hat: „Du bist in einem Raum, wovon du nicht träumen würdest.“ Da hat er sein Gesicht unter der Bettdecke versteckt und sagte zu mir: „Nimm mich von hier raus, mein Kind, und leih mir das Geld für die Medikamente. Ich werde es dir in shaa Allah zurückzahlen“. Da sagte meine Schwester: „Und woher wirst du es zurückzahlen?“ Er antwortete: „Ich werde arbeiten, ich werde die Häuser putzen, die Treppen waschen, das ist meine Arbeit. Und wenn ich nicht zurückzahlen kann, so werde ich mit diesem Geld für euch arbeiten, ich wasche und putze die Treppen eurer Wohnungen.

 

Unsere Schwester gab uns keine Chance, nach diesen Worten mit ihm Mitleid zu haben. Sie erwiderte sofort: „Wir hatten einen Vater, der mit uns kein Erbarmen hatte und unsere Mutter nicht verschonte, auch als sie krank war. Er zwang sie immer arbeiten zu gehen und sagte immer zu ihr: „Arbeite für dein Brot“, obwohl er viel Geld hatte. Und heute ist er bereit, bei seinen Kindern zu arbeiten, bei ihnen zu dienen, damit sie die Kosten seiner Medikamente bezahlen. Da fiel ich ihr ins Wort und sagte zu ihm, dass wir ihm dieses Geld als Almosen für die Seele unserer verstorbenen Mutter geben, da er wie unser Vater ist. Meine Schwester unterbrach mich und sagte: „Mach ihn nicht gierig nach unserem Geld, du bist der Grund für das, möge Gott dich mit ihm zu sich nehmen, musstest du eigentlich ihn treffen und ihn zurückbringen?“

 

Ein Onkel mütterlicherseits von mir bestand darauf, zu meinen Onkeln väterlicherseits zu gehen und ihnen mitzuteilen, dass mein Vater zurück ist, dass er noch lebt und im Spital in Behandlung ist. Sie glaubten es ihm nicht. Sie kamen zum Spital und machten einen grossen Streit mit uns und haben uns geschlagen. Es war ein Skandal in der Familie. Mein Onkel mütterlicherseits ging zur Polizei und zeigte sie an. Ein Polizist ist zu meinem Vater gekommen und hat ihn gefragt, wer er sei. Mein Vater antwortete: „Ich weiß nichts. Diese Mädchen halfen mir und brachten mich ins Spital, damit ich behandelt werde. Die Ärzte sagen, ich habe Amnesie, doch wenn ich wirklich ihr Vater bin, dann möchte ich nicht, dass sie mich weiter kennen.“ Das sagte er, während er fest weinte. Er fügte hinzu: „Wie konnte ein Vater seine Töchter schlagen und sie prügeln und noch dazu der Grund für den Tod ihrer Mutter sein! War ich dieses Monster? Wenn ich so war, dann will ich sie nicht daran erinnern, was sie gelitten haben.“

 

Unser Vater ging nach der Behandlung aus dem Spital, nachdem er erfahren hat, dass wir seine Töchter sind. Er hat sich immer versteckt, wenn er eine von uns sah, während er weint und betend sagt: „O Allah, mach meine Zeit (im Leben) kürzer.“ Dann frage ich ihn: „Bist du nicht zufrieden, dass du deine Kinder kennen gelernt hast?“ Da antwortet er: „Ich wünschte mir die Freude, aber eure Erinnerungen mit mir sind Erinnerungen des Todes, deswegen kann ich nicht mit euch leben. Ich gehe zurück zu meinem kleinen Zimmer, ich wasche und putze die Wohnungen und die Treppen von den Häusern. Aber was ich alles von euch verlange, mein Kind, ist, dass ihr mir vergebt. Vergebt mir bitte!“

 

Er wiederholte diesen Satz mehrmals, dann habe ich ihm gesagt: „Wenn wir dir vergeben, was unser Recht betrifft, wer vergibt dir, was das Recht meiner Mutter betrifft? Da sagte er weinend: „O meine Tochter, wehe mir von der Strafe Allahs, ich weiss nicht, was ich meinem Gott sage, wenn er mich fragt: „Warum hast du deine Töchter nicht unterhalten, während ich dir viel Geld gegeben habe? Warum hast du sie und ihre kranke Mutter dazu arbeiten lassen, damit sie für sich selbst aufkommen?“ Was sage ich meinem Gott, wenn er mich fragt: „Warum hast du die Leiche deiner Frau nicht genommen und sie beerdigen lassen?““

 

Darauf hat ihn meine mittlere Schwester genommen, damit er bei ihr lebt. Aber sie - möge Allah es ihr vergeben - gab ihm die Medikamente auf leerem Magen, weil sie spät aus dem Schlaf erwachte. Seine erste Mahlzeit war ein hartes Brot. Er bat sie, das Brot für ihn anzufeuchten, damit er es kauen kann. Sie hat das Brot so lange im Wasser gelassen, bis es zerbröckelte und sich überall verteilte. Er sammelte es mit seinen schwachen Fingern, weil er sonst nichts hatte, womit er seinen Hunger stillen konnte. Dabei wiederholte er immer die Worte: „Immerhin, es ist nachher vorbei“. 

 

Ich kann diesen Anblick nicht vergessen, als ich ihn eines Tages besuchen ging. Da fand ich ihn in der Wohnung neben der Wohnungstür sitzend. Er war traurig und ängstlich. Ich habe ihn gefragt, was passiert sei. Er sagte mir, dass er das Bett genässt hat und dass meine Schwester ihn ermahnt hatte, es nicht wieder zu machen. Er weinte fest und bat mich, ihn von dort weg zu bringen. Ich brachte ihn dann zur anderen Schwester. Ich war nicht damit einverstanden, dass er mit mir in meiner Wohnung wohnt, da ich alleine war. Ich wollte auch nicht in seinem Dienst leben. Manchmal sagte ich mir: „Lass ihn bei seinen Kindern leiden, dann nimm ihn zum Sterbezimmer, in dem er gewohnt hat.“ Ich weiss, sie alle beten jetzt, dass Allah mich dafür bestrafen möge. Das habe ich mir aber selber gewünscht.

 

Als wir zu meiner anderen Schwester kamen, überraschte sie unseren Vater mit der Frage: „Lebst du noch? Und sogar jetzt mit mir?“ Unser Vater hing an meinen Händen und weinte. Er bat mich um Allahs willen, ihn nicht da zu lassen und wieder mitzunehmen. Ich sagte ihm, dass es nur wenige Tage seien und dann käme er zurück zu seinem alten Zimmer. Ich habe ihn gelassen, aber seine Blicke, während er mich bat, ihn nicht zu lassen, verliessen mich keine Minute. Ich kam eine Woche später ihn besuchen. Ich fand ihn schlafend auf einem Sofa auf dem Balkon. Ich habe dann erfahren, dass meine Schwester ihm das Putzen und Waschen des Hauses aufgetragen hatte, als ob er eine Putzfrau wäre. Die Scheiben des Fensters hatten ihn verletzt, aber sie kümmerte sich nicht darum, ihn zu behandeln und liess ihn einfach bluten und leiden.

 

Unser Vater hing an meinen Händen und Füssen und bat mich, ihn zurück zu bringen zu seinem Zimmer. Er versprach, er werde die wohltuenden Menschen um Geld bitten, damit er uns das zurückzahlt, was wir für seine Behandlung bezahlt haben. Ich nahm ihn mit und brachte ihn zu seinem alten kleinen Zimmer in Tanta. Ich gab dem Imam der Moschee Geld, damit er für ihn schaut, dann nahm ich den Zug zurück nach Kairo. Kaum kam ich aber auf dem Hauptbahnhof an, fuhr ich wieder zurück nach Tanta. Als ich bei ihm rein kam, weinte er stark und sagte: „Ich wusste, dass du zurück kommen wirst. Du bist die einzige, die ich spüre.“ Ich warf mich in seine Arme, zum ersten Mal. Er ist mein Vater, er nimmt mich in seine warme Umarmung. Ich weinte auf seinen Schultern. Sein Gesicht war auch voll von Tränen. Er fragte mich: „Hast du mir vergeben?“ Ich geriet in tiefe Stille, es war aber kein Zeichen der Zufriedenheit. 

 

Nach all dem konnte ich ihn nicht verlassen. Ich nahm ihn mit zu meiner Wohnung, trotz des glimmenden Feuers in meinen Inneren wegen dem, was er uns angetan hatte. Ich suchte aber vor allem die Zufriedenheit meines Gottes. Wir - er und ich - lebten eine Zeit zusammen, in der ich zum ersten Mal gespürt habe, einen Vater zu haben, der einem die Schulter tätschelt, der mit einem zärtlich ist. Er wartete immer auf mich am Fenster, wenn ich zur Wohnung zurückkam. Er fragte, wie es mir geht. Er bat mich, ihn zum Grab meiner Mutter zu nehmen. Als er davor stand, fing er an, Koran zu rezitieren und weinte viel. Er bat sie um Vergebung und dass sie für ihn Fürsprache vor Allah macht, damit ER ihm vergibt.

 

Ich kann diese Zeiten nicht vergessen, wo er mir geholfen hatte, die Papiere von der Arbeit zu sammeln, die ich zum Arbeiten mit nach Hause mitgebracht habe, dann spielten wir am Computer. Ich konnte das Haus nicht mehr ertragen ohne ihn. Wenn er sein altes Zimmer besuchen ging, konnte ich diese Stunden nicht ertragen. Ich ging sofort, um ihn zurück zu bringen. Sogar der Schlaf hat einen Geschmack bekommen, seit er da war. Ich schlief tief und fühlte mich sicher, weil mein Vater mit mir im Haus ist und mich schützt mit seinen unaufhörlichen Gebeten: „Möge Allah dich den Übeln anderer Menschen entgehen lassen.“

 

In diesen Zeiten entschied ich mich, ein Omra zu machen. Als ich ihm das mitteilte, lachte er und sagte: „Wehe, dass du dein Gedächtnis verlierst.“ Er weinte und sagte weiter: „Und wer wird mich besuchen?“ Er bat mich darum, für ihn zu beten. Ich versprach ihm, ihn das nächste Mal mitzunehmen. Ich gab ihm ein Handy, damit ich nach ihm fragen konnte und bin dann abgereist. Ich erfuhr nachher, dass er krank geworden ist und niemanden fand, der ihn zum Spital gebracht hätte. Nach dem Omra kam ich zurück und nahm ihn zum Spital. Er hat diesmal gelitten. Er lächelte viel und weinte mehr. Er war immer mehr geistesabwesend. Er wiederholte immer: „O mein Gott, hast DU Deine Strafe für mich schwächer gemacht? Hast DU meine Gebete erhört?“ Ich beruhigte ihn und sagte: „Beruhige dich!“ Zum ersten Mal betete ich für ihn aus meinem Herzen, dass Allah ihn wieder gesund macht. Ich habe ihn am nächsten Tag gelassen und ging zur Arbeit. Ich kam aber schnell zurück, als die Krankenschwester mich anrief und mir mitteilte, dass er im Koma sei. Ich stürmte in die Intensivstation und warf mich auf seine Brust und habe geweint, wie ich es sonst nie gemacht habe. Ich schrie laut: „O mein Gott, lass ihn mich spüren, wenn auch für nur einen Moment, damit ich ihm sage: ’Vergib mir… vergib mir jeden Moment, in dem ich dich hartherzig behandelt habe. Das war alles unwillig.’ Ich sass bei seinen Füssen, habe sie geküsst, dann seinen Kopf geküsst und bat ihn um Allahs willen, mich nicht zu verlassen. Ich bat ihn, mir zu vergeben, dann ging ich beten. Sekunden nachher kam die Krankenschwester und sagte, er sei gestorben.

 

Mein Vater ist gegangen und ich fiel für eine lange Zeit in Bewusstlosigkeit. Als ich erwacht war, erfuhr ich, dass meine Onkel väterlicherseits sich weigerten, ihn in ihren Grabstätten beizusetzen. Mein Onkel mütterlicherseits liess ihn darauf in der Grabstätte seiner Familie neben meiner Mutter beisetzen - deren Leiche mein Vater vorher nicht nehmen wollte. Was für einen Zufall, vielleicht hat sie es ihm auch vergeben!

 

Jetzt wartet auf mich niemand im Haus, es gibt niemanden, der für mich betet. Ich lebe in einer schrecklichen Einsamkeit. Es scheint, dass die Strafe Allahs für uns angefangen hat. Ich bekam Halluzinationen, ich zerriss meine Kleider, ich irrte auf den Strassen umher, schrie, weinte, lachte, tanzte, dann schrie wieder: „Mein Vater ist gestorben, mein Vater ist gestorben, ihr Leute!“

 

Was meine Schwestern angeht, so erzähle ich Ihnen, was nur einer von ihnen geschah. Das ist diejenige, die meinen Vater das harte Brot gegeben hat. Sie hat eine Hauterkrankung bekommen. Niemand ertrug sie, sogar ihr Mann und ihre Kinder. Sie baten mich, dass sie bei mir lebt.

 

Mein geehrter Herr, egal, was Sie zu uns sagen, wir warten auf Ihre Worte. Wecken Sie unsere Gemüter, aber vorher habe ich noch eine Frage, für die ich eine Antwort suche: Hat mir mein Vater vergeben?