Tag der Reumütigen
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Die grosse Moschee war überfüllt mit Menschen, deren Blicke voller Liebe und Hochachtung an Malik Ibn Dinar hingen. Malik Ibn Dinar ist einer der frömmsten und enthaltsamsten Diener. Er sass ganz still an seinem Platz, dann hob er seinen Kopf. Da sahen ihn die Leute in einem Zustand, in dem sie ihn noch nie vorher gesehen haben. Die Augen des Gelehrten aus dem Irak, des Imams und Predigers der Moschee von Kufa, waren voll von Tränen. Seine Tränen liefen über seinen Bart und durchnässten ihn. Es hat ihn berührt, wie viele Menschen gekommen sind um von ihm zu hören, nachdem er am vorigen Tag angekündigt hatte, er werde am nächsten Tag etwas von sich erzählen, was die Leute bisher nicht wussten und nicht wissen sollten.

Iman Malik fing an zu reden. Seine Stimme berührte die Herzen seiner Zuhörer tief, so dass man dachte, seine Stimme kommt von sehr weit her. Er lobpreiste Allah, sprach den Segen über seinen Gesandten (s) aus, bat Allah für seine Zuhörer und diejenigen, die ihn kennen, dass Er ihnen vergibt, weil sie von ihm Gutes denken. Er sagte: „Ich habe euch gestern gesagt, dass ich heute in sha’ Allah etwas über mich erzählen werde. Denn ich weiss von mir selbst, was ihr nicht wisst. Und ihr denkt Gutes von mir. Möge Allah es euch mit Gutem vergelten. In meiner Jugend war ich ein ungerechter Polizist. Ich wurde beauftragt, die Ordnung auf dem Markt aufrechtzuerhalten. Von meiner Gerechtigkeit und von meiner Härte blieb aber niemand verschont. Mit wie vielen Menschen hab ich mich gestritten und wie vielen Menschen habe ich geschadet? Möge Allah es mir vergeben. Wenn ich immer an sie denke, zerreisst es mir mein Herz um Sorge und Kummer um mich selbst. Und ohne meinen Glauben an die Barmherzigkeit Allahs wäre ich heute viel anders. Ich hab, oh meine Brüder, nichts von den üblen Sachen ungetan gelassen. Ich hab viel getrunken, ich hab die Menschen geschlagen, ich hab mich in ihre eigenen Sachen eingemischt, die mich nichts angingen, sogar in das Kaufen und Verkaufen. Ich stand dem bei, den ich mochte, auch wenn er im Unrecht war.

Eines Tages ging ich durch den Markt. Da fand ich zwei streitende Männer. Der eine wollte vom anderen eine Ware kaufen, aber der Verkäufer wollte mit dem Preis der Ware nicht runter gehen. Der Käufer jedoch wollte die Ware zu einem niedrigeren Preis haben. Sofort hab ich den Käufer angeschrieen und hab ihn fast mit meinem Stock geschlagen. Etwas Unbekanntes hinderte mich aber dran. Ich blickte ihn an, da sah ich, dass er ein alter Mann mit grauen Haaren ist. In seinem Gesicht erkannte man die Charakterzüge eines guten Menschen. Er hat mit der Hand eine Geste gemacht, damit ich aufhöre und er mir den Streitpunkt erläutert. Und zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich einer Klage zu. Er hat seine Rede mit einem Hadith des Propheten (s) abgeschlossen, das er gehört haben soll, in dem der Prophet (s) sagt: ‚Wenn einer von euch auf den Markt geht, und dort etwas kauft, was seinen Töchtern Freude macht, den schaut Allah an.’ ‚Und ich bin von der Reise gekommen und ich wollte, bevor ich nach Hause gehe, etwas kaufen, was meinen drei Töchtern Freude macht, damit Allah mich anschaut.’“ Malik sagt: „Ich war sehr beeindruckt von seiner Rede. Ich hab ihm die Ware gekauft, die er wollte, ich habe ihn damit begleitet und hab ihn dann gelassen und bat ihn, er soll seine drei Töchter für mich beten lassen.

Viele Tage sind vergangen, und die Rede dieses Mannes ging mir nicht aus dem Kopf, bis ich eine sehr schöne Frau auf dem Markt sah, die feilgeboten wurde. Ich hab mich sofort in sie verliebt. Ich hab sie gekauft und geheiratet und mit ihr sehr glückliche Tage zusammen verlebt, die mich mein Verderbnis vergessen liessen. Ich habe angefangen aufrichtig zu werden, vor allem nachdem Allah uns eine schöne Tochter geschenkt hat. Aber es waren nur Tage nach der Geburt meiner Tochter, da starb meine Frau und unsere Tochter wurde ein Waisenkind. Ich hab nachher zwei Jahre gelebt. Ich hab nicht geheiratet. Ich habe nur eine Sorge gehabt, und zwar nur für meine kleine Tochter zu schauen, denn sie ist alles in meinem Leben geworden. Eines Tages kam ich von meiner Arbeit, da fand ich meine Tochter sich vor Schmerzen hin und her wälzen. Ich hab nach Heilung für sie bei den Ärzten gesucht, aber die Vorherbestimmung Allahs war schneller und ich habe meine Tochter verloren. Sie ist weggegangen. Ich habe ihren Körper sehr fest an mein Herz gedrückt, hoffend, dass das Leben wieder in sie zurückkehrt. Ich habe sie mit meinen Tränen nass gemacht und ich habe sie traurig und beklommen gerufen, dann hab ich die Sache in den Händen Allahs gelassen. Ich habe sie begraben, mein einziges Kind, in die Erde und floh vor mir selbst, vor meinem Leben und vor meiner Wirklichkeit in die Welt der Musik und des Gesangs. Ich habe Wein gesoffen, ich lebte betrunken, damit ich nicht aufwache in meiner traurigen Welt, denn dann spürte ich, was ich habe und ich spürte das Ausmass dessen, was mir passiert ist und meine Einsamkeit. Ich bekam wieder meine Härte gegenüber den Menschen und es war, als ob ich mich an ihnen räche, als hätten sie mir meine Frau, meine Tochter und mein Glück weggenommen.

Eines Tages ging ich durch den Markt, da sah ich eine Frau, die etwas zu Essen trägt. Da hab ich ihr das Essen mit Gewalt weggenommen und ich habe nicht auf ihr Schreien und Weinen und auf das ihrer Kinder gehört. Ich ging in dieser Nacht früh nach Hause. Wir waren in der Mitte des Schaaban. Ich habe fest geschlafen und währenddessen habe ich einen Traum gesehen. Ich habe geträumt, dass der Jüngste Tag da ist und es wurde in die Posaune geblasen und die Menschen wurden versammelt und ich war unter ihnen. Da habe ich eine schreckliche und Angst einflössende Stimme gehört. Ich habe zurück geschaut, da sah ich eine riesige schwarze Schlange, die das Maul geöffnet hat und von deren Augen das Böse raus sprang. Sie kam auf mich zu, erbarmungslos, dann floh ich erschrocken vor ihr, bis ich einen alten greisen Mann traf. Ich bat ihn flehend um Hilfe, dass er mich rettet und mir Schutz gewährt vor dieser riesigen Schlage. Oh du, möge Allah auch dir Schutz gewähren. Dann hat dieser Mann geweint und sich bei mir wegen seiner Schwäche beklagt. Er sagte mir schnell: Beeil dich, flieh weiter, vielleicht wird Allah dir einen Ausweg machen. Dann floh ich schnell weiter, bis ich auf einen Hügel kam. Da war ein Abhang und da stand ich vor dem Feuer. Ich wäre fast rein gefallen aus Angst. Und die Schlange kam schnell auf mich zu. Da hat eine Stimme geschrieen: ‚Geh zurück, du gehörst nicht zu den Leuten des Feuers.’ So lief ich zurück und die Schlange hinter mir her. Da kam ich wieder an diesem alten Mann vorbei. Ich bat ihn um Hilfe und dass er mich rettet. Da beklagte er sich wieder bei mir wegen seiner Schwäche vor diesem riesigen Monster und sagte: ‚Lauf zu diesem Berg, dort sind die anvertrauten Sachen von Muslimen. Wenn du dort etwas hast, wird es dir vielleicht helfen.’ Ich habe geschaut, da war ein leuchtender Berg aus Silber und Vorhängen überall und Tore aus rotem, leuchtendem Gold. Und über jedem Tor gab es einen Vorhang aus Seide, deren Schönheit verzaubert. Ich lief in die Richtung des Berges und die Schlange lief hinter mir. Als ich mich näherte schrieen einige Engel: ‚Macht die Vorhänge hoch und öffnet die Tore.’ Da habe ich schöne Kinder gesehen, wie leuchtende Monde. Und die Schlange kam näher zu mir, da wusste ich nicht, was machen. Da haben einige Kinder geschrieen: ‚Los, kommt alle!’ Die Schlange hat sich ihnen sehr genähert. Und sie kamen in Wellen und da sah ich meine verstorbene Tochter. Sie schaute mich an und hat geweint und gesagt: ‚Bei Allah, es ist mein Vater.’ Dann sprang sie in eine Schale aus Licht und wie ein Blitz war sie bei mir. Sie hat mir ihre linke Hand entgegengestreckt. Da habe ich mich an sie gehängt und sie streckte ihre rechte Hand gegen die Schlange aus. Da ist die Schlange geflohen.

Meine Tochter liess mich absitzen. Ich war sehr ermüdet. Ich hab sie umarmt und an mein Herz gedrückt und hab sie gedrückt mit Tränen in meinen Augen, als ob ich gefürchtet habe, sie wieder zu verlieren. Sie hob ihre Hand zu meinem Bart und hat mit ihm gespielt und schaute mit ihren schönen Augen voller Zärtlichkeit und aufrichtiger Liebe in meine Augen und sagte zu mir: ‚O mein Vater. {Ist es noch nicht an der Zeit, dass die Herzen der Gläubigen sich andächtig erweichen, wenn sie über Gott und die offenbarte Wahrheit nachdenken?}’ (Sure 57 Al Hadid, Vers 16). Da hab ich geweint, als ich diesen Vers gehört habe, so fest, als ob ich diesen Vers zum ersten Mal gehört hätte. ‚Und kennt ihr den Qur’an?’ Da sagte sie: ‚Wir kennen ihn besser als ihr.’ Ich hab ihr gesagt: ‚Erzähle mir über die Schlange, die mich fertig machen wollte.’ Sie hat gesagt: ‚Das sind deine bösen Werke. Du hast sie stark gemacht und sie dreht sich jetzt gegen dich und will dich im Höllenfeuer haben.’ Ich sagte: ‚Und der greise Mann?’ Sie sagte: ‚Das sind deine guten Werke. Du hast sie so schwach gemacht, dass sie dich nicht mehr retten konnten.’ ‚O mein Töchterchen, was tut ihr hier auf diesem Berg?’ Sie sagte: ‚Die Kinder von den Muslimen wurden hier sesshaft gemacht, bis die Stunde kommt. Wir warten, dass ihr zu uns kommt, dann machen wir Fürsprache für euch.’

Ich erschrak heftig, so dass ich vom Schlaf erwachte. Ich war sehr nass vom Schwitzen, als wäre ich unter heftigem Regen gewesen. Ich griff nach meinem Stock und habe damit alle Musikinstrumente und Weinflaschen zerstört und rief aus meinem Herzen, dass ich in Reue zu Allah (t) zurückkehre. In den Tagen danach war ich bettlägerig und konnte mich nicht bewegen. In dieser Zeit pflegte ich immer Allah (t) um Vergebung zu bitten und immer wieder Reue zu machen. Und ich flehte Ihn um Seine Barmherzigkeit an. Seit damals lernte ich den Weg Allahs aufrichtig zu gehen. Ich betete zu Allah in den ersten Tagen nach meiner Reue unter grosser Angst, da ich diese Schlange, die mich auffressen wollte, die meiste Zeit vor mir sah.

In dieser von Angst und Schrecken erfüllten Atmosphäre kam eine Dürrezeit und es herrschte eine grosse Krise. Der Regen blieb aus. Da haben wir angefangen, Allah (t) zu bitten und trotzdem kam der Regen nicht. Die Pflanzen verdorrten und wir bekamen Durst. Eines Tages blieb ich im Gebetsraum zurück, nachdem alle Leute weggegangen sind und flehte Allah an. Ich war der einzige dort. Plötzlich kam ein schwarzer Mann mit sehr dünnen Beinen und einem grossen Bauch. Er ging rein und hat zwei Rak’as gebetet. Dann erhob er den Kopf gegen den Himmel und sagte: ‚O mein Herr, bis wann enthältst du deinen Diener vor, was dir nicht mangelt? Gib uns von dem, was du hast. Im Namen deiner Liebe zu mir, tränke uns jetzt.’ Kaum war er fertig mit seinem Gebet, da hat es gegossen wie aus Kübeln. Der Mann stand auf und machte sich auf den Heimweg. Ich stellte mich ihm aber in den Weg und sagte: ‚Schämst du dich nicht, dass du sagst, Im Namen deiner Liebe zu mir? Woher weißt du, dass Er dich überhaupt liebt?’ Er hat geantwortet: ‚Weisst du nicht, dass Allah voller Vergebung ist und seine Dienern eine sehr grosse Liebe entgegenbringt? Kennst du diesen Vers nicht? {Er ist es, Der euch Seine Huld erweist, und die Engel beten für euch, auf dass Er euch aus der Finsternis zum Licht führe. Gott ist voller Barmherzigkeit für die Gläubigen.} (Sure 33 Al-Ahzab, Vers 43). Dann hat dieser Mann mich gelassen und ist fort gegangen. Seine Worte erschütterten mich. Seither wende ich mich Allah zu, ohne diese Schlange zu sehen.“

Malik Ibn Dinar blieb kurz still und sagte dann mit sehr tiefer Stimme: „Oh ihr Leute, Allah ist barmherzig, so seid froh um seine Barmherzigkeit. Verkündet den anderen Menschen, dass Allah euch eine grosse Liebe entgegenbringt. Wenn ihr von ihr wüsstet, so würdet ihr euch Allah nie widersetzen. Liebt Allah, oh ihr Leute, und wisst, dass das Zeichen der Liebe zu Allah das ständige Dhikr ist, denn wer etwas liebt, der erwähnt es viel. Und wer in seinem Gespräch mit Allah nicht die bessere Gesellschaft findet als die Gesellschaft der Menschen, der hat seine Taten verschwendet und hat sein Leben vergeudet. Kehrt reumütig zu Allah zurück!“

Malik erhob sich und all die Anwesenden standen mit ihm auf, während sie die Worte der Reue murmelten. Seither wurde dieser Tag der „Tag der Reumütigen“ genannt.

 

Malik Ibn Dinar